Kirchenkalender
Inhalt
Die Elenden sollen essen

Die Elenden sollen essen
für Sopran, Alt, Tenor und Bass, Vokalensemble, Oboe I+II auch Oboe d’amore, Trompete, Streicher und Basso continuo
Der künstlerisch selbstgewisse Bach trat sein neues Kantorenamt nicht gerade durch die Hintertür an – mit einer immerhin 14-sätzigen(!) und musikalisch äusserst reichhaltigen Kantate erwarb er sich am 30. Mai 1723 in der Leipziger Nikolaikirche den «guten Applaus» seiner Hörergemeinde. Dass der Eingangschor in eine repräsentative Ouvertüren-Form eingearbeitet ist und die Kantate auch eine solistische Trompete einbezieht, passt zu diesem zukunftsfrohen Gestus. Zugleich hat Bach darin der so zeitlosen Bitte nach dem täglichen Brot und der auch geistlichen Speisung für alle Menschen berührend Ausdruck verliehen.
Beschreibung
für Sopran, Alt, Tenor und Bass, Vokalensemble, Oboe I+II auch Oboe d’amore, Trompete, Streicher und Basso continuo
Der künstlerisch selbstgewisse Bach trat sein neues Kantorenamt nicht gerade durch die Hintertür an – mit einer immerhin 14-sätzigen(!) und musikalisch äusserst reichhaltigen Kantate erwarb er sich am 30. Mai 1723 in der Leipziger Nikolaikirche den «guten Applaus» seiner Hörergemeinde. Dass der Eingangschor in eine repräsentative Ouvertüren-Form eingearbeitet ist und die Kantate auch eine solistische Trompete einbezieht, passt zu diesem zukunftsfrohen Gestus. Zugleich hat Bach darin der so zeitlosen Bitte nach dem täglichen Brot und der auch geistlichen Speisung für alle Menschen berührend Ausdruck verliehen.
Aufnahmen
Akteure
Solistinnen und Solisten
Sopran
Marie Luise Werneburg
Alt/Altus
Alex Potter
Bass
Stephan MacLeod
Chor
Sopran
Alice Borciani, Jennifer Ribeiro Rudin, Noëmi Sohn Nad, Baiba Urka, Alexa Vogel, Mirjam Wernli
Alt
Antonia Frey, Katharina Guglhör, Laura Kull, Simon Savoy, Sarah Widmer
Tenor
Zacharie Fogal, Manuel Gerber, Nicolas Savoy
Bass
Jean-Christophe Groffe, Grégoire May, Daniel Pérez, Julian Redlin
Orchester
Leitung
Rudolf Lutz
Violine
Renate Steinmann, Andrea Brunner, Patricia Do, Elisabeth Kohler Gomes, Olivia Schenkel, Salome Zimmermann
Viola
Susanna Hefti, Claire Foltzer, Stella Mahrenholz
Violoncello
Alex Jellici, Hristo Kouzmanov
Violone
Markus Bernhard
Oboe
Clara Hamberger, Philipp Wagner
Fagott
Susann Landert
Trompete
Patrick Henrichs
Cembalo
Thomas Leininger
Orgel
Nicola Cumer
Werkeinführung
Mitwirkende
Rudolf Lutz, Pfr. Niklaus Peter
Reflexion
Reflexion
Christiane Tietz
Aufnahme & Bearbeitung
Aufnahmedatum
20.02.2026
Aufnahmeort
Trogen AR // evangelische Kirche
Tonmeister
Stefan Ritzenthaler
Regie
Meinrad Keel
Produktionsleitung
Johannes Widmer
Produktion
GALLUS MEDIA AG, Schweiz
Produzentin
J.S. Bach-Stiftung, St. Gallen, Schweiz
Zum Werk
Erste Aufführung
30. Mai 1723, Bachs Amtseinführung als Thomaskantor in Leipzig
Textdichter
unbekannter Dichter
Satz 1: Psalm 22, 27
Satz 7 und 14: Strophe 5 und 6 aus «Was Gott tut, das ist wohlgetan» von Samuel Rodigast
Satz 6: Paul Eber, um 1570
Entstehung & Vertonung
Erster Teil
1. Chor
Die Elenden sollen essen, daß sie satt werden, und die nach dem Herrn fragen, werden ihn preisen. Euer Herz soll ewiglich leben.
1. Chor
Bachs Textdichter wählt mit Blick auf das Sonntagsevangelium vom reichen Mann und vom armen Lazarus (Lk. 16,19–31) für den Eingang Psalm 22,27 «Die Elenden sollen essen, daß sie satt werden». Dessen Schluss «Euer Herz soll ewiglich leben» präludiert zugleich die Grundfrage des Lukastextes nach dem ewigen Leben. Bach gestaltet dafür eine zweiteilige Grossform, die in eine sukzessiv aufregistrierte Vokalfuge mündet.
2. Rezitativ — Bass
Was hilft des Purpurs Majestät,
da sie vergeht?
Was hilft der größte Überfluß,
weil alles, so wir sehen,
verschwinden muß?
Was hilft der Kitzel eitler Sinnen,
denn unser Leib muß selbst von hinnen?
Ach, wie geschwind ist es geschehen,
daß Reichtum, Wollust, Pracht
den Geist zur Hölle macht!
2. Rezitativ — Bass
Im Rezitativ mahnt der Librettist vor diesseitigem Überfluss und jenseitigem Elend des Reichen und fragt dreimal «Was hilft?»: Weder «Purpur» noch «Überfluss» noch «Kitzel eitler Sinnen».
3. Arie — Tenor
Mein Jesus soll mein alles sein!
Mein Purpur ist sein teures Blut,
er selbst mein allerhöchstes Gut,
und seines Geistes Liebesglut
mein allersüßster Freudenwein.
3. Arie — Tenor
Die Arie spiegelt antwortend den geistlichen Reichtum: Jesus das höchste Gut, sein Blut das «Purpur» und seine Liebe der «allersüß’ste Freudenwein». Der als freies Da capo angelegte Satz zeichnet sich durch sprechende Motivik aus, wobei Bach dem Tenor eine heroische Eröffnungsdevise gestattet.
4. Rezitativ — Tenor
Gott stürzet und erhöhet
in Zeit und Ewigkeit.
Wer in der Welt den Himmel sucht,
wird dort verflucht.
Wer aber hier die Hölle überstehet,
wird dort erfreut.
4. Rezitativ — Tenor
Das Rezitativ nennt die Umwertung: «Gott stürzet und erhöhet in Zeit und Ewigkeit». Wer auf Erden erdulde, der werde im Himmel erfreut.
5. Arie — Sopran
Ich nehme mein Leiden mit Freuden auf mich.
Wer Lazarus’ Plagen
geduldig ertragen,
den nehmen die Engel zu sich.
5. Arie — Sopran
Erstmals fällt in der Arie der Name Lazarus – als Vorbild für ein duldendes Leben mit jenseitiger Perspektive. Die auffällig virtuose Sopranpartie wird durch den deutenden Klang der Oboe d’amore in das Gewand wärmender Liebe gehüllt.
6. Rezitativ — Sopran
Indes schenkt Gott ein gut Gewissen,
dabei ein Christe kann
ein kleines Gut mit großer Lust genießen.
Ja, führt er auch durch lange Not
zum Tod,
so ist es doch am Ende wohlgetan.
6. Rezitativ — Sopran
Im Rezitativ werden die Leipziger beruhigt: Gott schenke ein ruhiges Gewissen, der Christ könne sein kleines Gut geniessen; trotz Todesnöten «ist es doch am Ende wohlgetan».
7. Choral
Was Gott tut, das ist wohlgetan;
muß ich den Kelch gleich schmecken,
der bitter ist nach meinem Wahn,
laß ich mich doch nicht schrecken,
weil doch zuletzt
ich werd ergötzt
mit süßem Trost im Herzen;
da weichen alle Schmerzen.
7. Choral
Der erste Kantatenteil schliesst mit der fünften Strophe von Rodigasts Choral, die bekräftigt: «zuletzt» werde man mit Trost «ergötzt» – «da weichen alle Schmerzen». Mit der Einbettung des Chorals in einen federnden Orchestersatz griff Bach auf ein Erfolgsrezept seiner Leipziger Bewerbungskantaten BWV 22 und 23 zurück.
Zweiter Teil
8. Sinfonia
8. Sinfonia
Die kontrapunktisch anspruchsvolle Choralbearbeitung für Tromba und Orchester zeigt Bach als vielseitigen Kapellmeister, der seine Kunst in den Dienst der Kirchenmusik zu stellen gewillt war.
9. Rezitativ — Alt
Nur eines kränkt
ein christliches Gemüte:
wenn es an seines Geistes Armut denkt.
Es gläubt zwar Gottes Güte,
die alles neu erschafft;
doch mangelt ihm die Kraft,
dem überirdschen Leben
das Wachstum und die Frucht zu geben.
9. Rezitativ — Alt
Im Rezitativ folgt ein selbstkritischer Blick auf die geistliche Armut und mangelnde Kraft, jetzt schon dem «überirdischen Leben» Wachstum und Frucht zu geben.
10. Arie — Alt
Jesus macht mich geistlich reich.
Kann ich seinen Geist empfangen,
will ich weiter nichts verlangen;
denn mein Leben wächst zugleich.
Jesus macht mich geistlich reich.
10. Arie — Alt
Die Arie betont gleich zweimal: «Jesus macht mich geistlich reich». Die Trioanlage mit Unisono-Violinen in Moll macht ohrenfällig, dass dies Demut und Geradheit voraussetzt.
Quellenangaben
Alle Kantatentexte stammen aus «Neue Bach-Ausgabe. Johann Sebastian Bach. Neue Ausgabe sämtlicher Werke», herausgegeben vom Johann-Sebastian-Bach-Institut Göttingen und vom Bach-Archiv Leipzig, Serie I (Kantaten), Bd. 1–41, Kassel und Leipzig, 1954–2000.
Alle einführenden Texte zu den Werken, die Texte «Vertiefte Auseinandersetzung mit dem Werk» sowie die «musikalisch-theologische Anmerkungen» wurden von Anselm Hartinger und Pfr. Niklaus Peter sowie Pfr. Karl Graf verfasst unter Bezug auf die Referenzwerke: Hans-Joachim Schulze, «Die Bach-Kantaten. Einführungen zu sämtlichen Kantaten Johann Sebastian Bachs», Leipzig, 2. Aufl. 2007; Alfred Dürr, «Johann Sebastian Bach. Die Kantaten», Kassel, 9. Aufl. 2009, und Martin Petzoldt, «Bach-Kommentar. Die geistlichen Kantaten», Stuttgart, Bd. 1, 2. Aufl. 2005 und Bd. 2, 1. Aufl. 2007.
Quellenangaben
Alle Kantatentexte stammen aus «Neue Bach-Ausgabe. Johann Sebastian Bach. Neue Ausgabe sämtlicher Werke», herausgegeben vom Johann-Sebastian-Bach-Institut Göttingen und vom Bach-Archiv Leipzig, Serie I (Kantaten), Bd. 1–41, Kassel und Leipzig, 1954–2000.
Alle einführenden Texte zu den Werken, die Texte «Vertiefte Auseinandersetzung mit dem Werk» sowie die «musikalisch-theologische Anmerkungen» wurden von Anselm Hartinger und Pfr. Niklaus Peter sowie Pfr. Karl Graf verfasst unter Bezug auf die Referenzwerke: Hans-Joachim Schulze, «Die Bach-Kantaten. Einführungen zu sämtlichen Kantaten Johann Sebastian Bachs», Leipzig, 2. Aufl. 2007; Alfred Dürr, «Johann Sebastian Bach. Die Kantaten», Kassel, 9. Aufl. 2009, und Martin Petzoldt, «Bach-Kommentar. Die geistlichen Kantaten», Stuttgart, Bd. 1, 2. Aufl. 2005 und Bd. 2, 1. Aufl. 2007.
Christiane Tietz
Der Vater wimmerte und stöhnte. Seit Monaten schon lag er auf dem Krankenbett. Längst konnte er seinen Dienst als Pfarrer nicht mehr versehen. Stärker und stärker wurden die Kopfschmerzen. Immer wieder musste er sich fürchterlich erbrechen. Die Mutter offenbarte einer Freundin, dass der Arzt ein «Gehirnleiden» diagnostiziert habe, versuchte sich aber zu beruhigen: «wir vertrauen nächst dem lieben Gott dem geschickten Artzt welcher uns zu seiner Wiederherstellung und frommen Äußerung, wenn es Gottes Wille ist, die beste Hoffnung machte».[1] Als es nicht besser wurde, schrieb die Mutter der Freundin erneut: Nun lernt man «das Bedürfniß einen lieben himmlischen Vater noch zu haben, dessen allein helfende Hand alles noch zum Besten wenden kann, erst recht schätzen und kennen».[2]
Bald schon konnte der Vater nichts mehr sehen. Die Mutter hoffte immer noch auf Besserung: «Nun bei Gott ist nichts unmöglich und deßhalb empfehlen wir unseren guten Leidenden immer wieder seinem Schutz und seiner gnädigen Hilfe.»[3] Doch nach elendesten Wochen auf dem häuslichen Sterbebett, in denen der Vater vor Schmerzen schrie, starb er am 30. Juli 1849. Sein Sohn hatte das Siechtum des Vaters aus nächster Nähe erlebt. Er war vier Jahre alt. Sein Name: Friedrich Nietzsche.
Einige Jahre später, in seinen ersten jugendlichen Lebenserinnerungen, beschrieb Friedrich Nietzsche detailliert die Krankheit des Vaters und den Todestag. Die Beerdigung war für ihn beklemmend: Nie werde sich «der dumpfe Klang» des vollen Glockengeläutes «aus meinem Ohr verliehren, nie werde ich die düster rauschende Melodie des Liedes ‹Jesu meine Zuversicht› vergessen!» Die Worte des Pfarrers am Grab waren ebenfalls «dumpf». Der Junge versuchte sich zu trösten: «Eine gläubige Seele verlohr die Erde, eine schauende empfing der Himmel.»[4]
Die Worte der Sopranistin, die wir eben gehört haben, atmen die Frömmigkeit, in der auch Friedrich Nietzsche aufwuchs: «Ich nehme mein Leiden mit Freuden auf mich.» Er wurde erzogen, das Leiden und Sterben seines Vaters aus Gottes Hand freudvoll entgegenzunehmen. Nietzsche lernte: «Was Gott tut, das ist wohlgetan.» Der Kelch, der mir zu trinken aufgegeben ist, schmeckt für mich bitter. Doch – so heisst es in der Kantate – dies ist mein Wahn, mein Irrtum. Denn letztlich ist nicht das Leben hier auf Erden entscheidend, sondern das Leben dort im Himmel.
Nietzsches Kindheits-Erleben brachte ihn ins Philosophieren. Er fragte sich: Wenn Gott der sein soll, der den Vater so elendiglich hatte sterben lassen, kann Gott dann so durch und durch lieb sein, wie Mutter und Vater ihm das beigebracht hatten? Mit zwölf Jahren schrieb er als Antwort darauf seinen ersten philosophischen Text. Darin erfand Nietzsche seine eigene Dreieinigkeit: Gott denkt sich selbst und schafft damit den Sohn, die zweite Person der Gottheit; denn was Gott denkt, wird Wirklichkeit. Um sich selbst verstehen zu können, muss Gott aber auch seinen Gegensatz denken, also schaffen: den Teufel. Und so gehörte für den Jungen zur Dreieinigkeit Gottes nicht wie in der christlichen Tradition Vater, Sohn und Heiliger Geist, sondern Vater, Sohn und – der Teufel. Der Teufel ist für Nietzsche wesentlich und von vornherein Teil Gottes. Wenn so etwas Schreckliches wie der Tod des Vaters von Gott kommt, dann kann Gott nicht nur gut sein. Dann gehört zu Gott selbst auch das Böse.
In seinen Jugendgedichten formulierte Nietzsche erste Zweifel an Gott. Zunächst dichtete der Adoleszente noch im alten Duktus: «Ewiglich laß mich dein Antlitz schauen / Nimm mich zu dir; / … dein’ Wille geschehe», schob aber sogleich hinterher: «Kann ich auch trauen!?»[5] Der erwachsene Philosoph rief später angesichts des Leids in der Welt aus: «Die einzige Entschuldigung Gottes ist, daß er nicht existiert.»[6] Schliesslich jubelte er befreit: «Gott ist tot! Gott bleibt todt. Und wir haben ihn getödtet.»[7]
Zu Nietzsches Abrechnung mit dem Christentum gehörte auch seine Kritik an der Weltflucht der Christinnen und Christen. Er meinte beobachten zu müssen: Aus der Hoffnung aufs Jenseits wird schnell eine Vertröstung aufs Jenseits. Das Diesseits ist dann nur noch das Jammertal, das man durchzustehen hat, bevor man in die himmlischen Freuden eingeht. Weltverantwortung und Weltgestaltung sind überflüssig. Frömmelnde Ergebung in das Leid und ein Quietismus, der die Hände in den Schoss legt, sind Geschwister. Nietzsche meinte, nur der Atheist sei in der Lage, diese Welt verantwortlich zu gestalten, Missständen Widerstand zu leisten und dem Leiden die Stirn zu bieten. Denn nur der Atheist mache nicht Gott für alles in der Welt verantwortlich.
Ich kann Nietzsches Zweifel und seinen Weg hin zum Atheismus verstehen. In seiner Familie fehlte die Auseinandersetzung mit der Erfahrung des Leids. Keine Klage. Keine Anfrage an Gott: «Mein Gott, warum hast du mich verlassen?»
Aber gibt es nur die Alternative zwischen frömmelnder Ergebung in das Leid wie bei Nietzsches Eltern und aggressivem Atheismus wie bei ihrem Sohn? Muss man den Gottesglauben aufgeben, um den Missständen in der Welt Widerstand leisten zu können?
Ich nehme die Worte des eben gehörten Chorals nochmals auf: «Was Gott tut, das ist wohlgetan». Nietzsche lernte: Gott tut alles. Er schloss deshalb aus der Ambivalenz der Welt auf die Ambivalenz Gottes: Wenn die Welt nicht nur gut ist, dann kann auch Gott nicht nur gut sein. Das war der Anfang seines Zweifels. An dessen Ende stand für ihn die Nicht-Existenz Gottes.
Mich hat als Theologin die Frage wieder und wieder umgetrieben, ob nicht doch das ehrliche Wahrnehmen des Leids in der Welt mit dem Glauben an Gott vereinbar ist. Ich fragte mich: Tut Gott denn alles? Hat Gott die Konzentrationslager gewirkt, in denen 6 Millionen Jüdinnen und Juden, 500 000 Sinti und Roma und viele andere Menschen ermordet wurden? Hat Gott den Tsunami im Indischen Ozean gewirkt, bei dem mehr als 200 000 Menschen ums Leben kamen?
Ja, Nietzsche hat recht: Vieles in dieser Welt widerspricht der Existenz eines guten Gottes. Es gibt einen Widerspruch zwischen vielem in dieser Welt und der Existenz eines guten Gottes. Aber diesem Gott darf der Mensch sein Leid klagen. Und dieser Gott leidet mit, wenn Menschen leiden. Und dieser Gott widerspricht an vielen Stellen dieser Welt. Dieser gute Gott sagt Nein zu Mord und Krieg, zu Armut und Ungerechtigkeit.
Der Glaube an diesen Gott darf den Widerspruch zwischen Leid und Gott benennen. Er darf Gott das Leid klagen. Und der Glaube hat kontrafaktische, gegen die Wirklichkeit protestierende Kraft, die sich mit den Zuständen nicht abfindet. Der Glaube hält daran fest, dass Gott dieser Welt und ihren Menschen freundlich zugewandt bleibt, auch wenn davon im Moment wenig zu sehen ist.
Mir ist die Widerstandskraft des Glaubens besonders bei dem Theologen Dietrich Bonhoeffer begegnet. Er gehörte in der Zeit des Nationalsozialismus zu den wichtigsten Köpfen der sogenannten Bekennenden Kirche, dem Teil der evangelischen Kirche in Deutschland, der sich dem Einfluss des Nationalsozialismus entgegenstellte. Später schloss er sich einer Gruppe von politischen Widerstandskämpfern an, die Adolf Hitler gewaltsam zu beseitigen versuchten. Wenige Wochen vor Kriegsende wurde Bonhoeffer in einem Konzentrationslager ermordet.
Sein berühmtester Text ist ein Gedicht: «Von guten Mächten» mit der berührenden 7. Strophe: «Von guten Mächten wunderbar geborgen / erwarten wir getrost, was kommen mag. / Gott ist bei uns am Abend und am Morgen / und ganz gewiss an jedem neuen Tag.»[8] Bonhoeffer schrieb das Gedicht zum Weihnachtsfest 1944. Seit fast zwei Jahren war er von den Nazis inhaftiert.
Die dritte Strophe beginnt mit Worten, die den Bach-Choral anklingen lassen: «Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern, / des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand». Anders als im eben gehörten Choral schmeckt der Kelch nicht nur «nach meinem Wahn» bitter. Der Kelch ist bitter. Bonhoeffer beschönigt nichts. Es ist schweres Leid, das auf Bonhoeffer, der mit seiner baldigen Hinrichtung rechnete, und seine Familie wartet.
Das, was Bonhoeffer dann formuliert, klingt für mich wie eine Überforderung: Reichst du uns den bittern Kelch, «so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern / aus deiner guten und geliebten Hand».
Der Schlüssel zum Verständnis ist die gute und geliebte Hand Gottes. Bonhoeffer vertraute darauf, dass Gott ihm bei allem nah war. Gott warf ihm nicht das Leben vor die Füsse wie eine Zumutung, die er allein bewältigen musste. Nein, Gott trug und begleitete ihn. Bonhoeffer glaubte daran – wie er an anderer Stelle bekannte –, «dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen.»
Kennen Sie das? Da ist eine Situation, die so schwierig ist, dass Mut und Kraft einen verlassen. Man weiss nicht, wie man das schaffen soll, und will am liebsten weglaufen. Bonhoeffer beobachtet nun: Wenn man schon vorher Kraft in sich spürte, dann würde man sich auf sich selbst verlassen. Wenn man keine Kraft mehr spürt, dann bleibt nichts anderes, als sich auf Gott zu verlassen. Und dann erfährt man, dass Gott trägt und hilft.
Das Besondere an Bonhoeffers Vertrauen zu Gott war, dass es ihn nicht dazu brachte, sich aus der Welt in eine frömmelnde Innerlichkeit und Passivität zurückzuziehen. Bonhoeffer dachte nicht: ‹Alles, was geschieht, ist Gottes Wille – und meine Aufgabe ist, mich dahinein zu ergeben und alles dankbar anzunehmen.› Er unterschied zwischen dem, in das er sich ergeben musste, und dem, dem er Widerstand leisten sollte. Das erste kam für ihn aus Gottes Hand, das zweite nicht. Das Vertrauen zu Gott brachte ihn dahin, sich verantwortlich in dieser Welt für eine bessere Welt einzusetzen. Er setzte weltlichen Missständen mutigen Widerstand entgegen. Vertrauen in Gott und Verantwortung für die Gestaltung dieser Welt gingen für ihn Hand in Hand. In seinen eigenen Worten: «Es gibt Menschen, die es für unernst, Christen, die es für unfromm halten, auf eine bessere irdische Zukunft zu hoffen und sich auf sie vorzubereiten. Sie glauben an das Chaos, die Unordnung, die Katastrophe als den Sinn des gegenwärtigen Geschehens und entziehen sich in Resignation oder frommer Weltflucht der Verantwortung für das Weiterleben, für den neuen Aufbau, für die kommenden Geschlechter. Mag sein, dass der Jüngste Tag morgen anbricht, dann wollen wir gern die Arbeit für eine bessere Zukunft aus der Hand legen, vorher aber nicht.»[9]
Ich bin überzeugt, dass auch Johann Sebastian Bach mit der heutigen Kantate nicht frömmelnder Ergebung in das Leid und religiöser Weltflucht das Wort reden wollte. Wer solch tröstende Musik komponiert, will nicht einfach in ein besseres Jenseits fliehen. Der will einen Trost, der Kraft gibt für das Leben hier. Für Bach liegt wie für Bonhoeffer der Trost in der Nähe Gottes, der auch im grössten Leid da ist. Gott ist nicht der, der alles schickt und zu dem also auch Böses gehört. Gott ist der, der an unserer Seite ist und stärkend und stützend mit uns durch das Schwere geht.
Im Schlusschoral klingt das deutlich an. Dort wiederholt Bach das «Was Gott tut, das ist wohlgetan». Ich höre das jetzt anders: «Was Gott tut, das ist wohlgetan.» Bach benennt klar Not, Tod und Elend. Hier ist nichts zu beschönigen. Und was tut Gott? Gott wird ihn «ganz väterlich in seinen Armen» halten. Das geschieht schon jetzt. Bachs Musik ist wie dieser väterliche Arm, egal, was an Schwerem und Schlimmem geschieht. «Drum lass ich ihn nur walten.»
[1] Franziska Nietzsche, Brief an Emma Schenk vom 1. Dezember 1848, zitiert nach Klaus Goch: Nietzsches Vater oder Die Katastrophe des deutschen Protestantismus. Eine Biographie, Berlin 2000, S. 379 f.; vgl. dazu Christiane Tietz: Nietzsche. Leben und Denken im Bann des Christentums, München 2025.
[2] Franziska Nietzsche, Brief an Emma Schenk vom 8. März 1849, zitiert nach Goch, Nietzsches Vater, S. 383.
[3] Franziska Nietzsche, Brief an Emma Schenk vom 4. April 1849, zitiert nach Reiner Bohley: Nietzsches christliche Erziehung [I], in: Nietzsche-Studien 16 (1987), S. 164–196, hier S. 179.
[4] Friedrich Nietzsche: Aus meinem Leben, Werke. Kritische Gesamtausgabe, Bd. I/1, Berlin, New York 1967, S. 286.
[5] Friedrich Nietzsche: Nachgelassene Aufzeichnungen April–Oktober 1859, 6 [20], KGW I/2, S. 54 f.
[6] Friedrich Nietzsche: Ecce homo. Warum ich so klug bin, 3, KSA 6, 286 (Hv. von mir).
[7] Friedrich Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft. Drittes Buch 125, KSA 3, S. 481.
[8] Dietrich Bonhoeffer: Von guten Mächten, Dietrich Bonhoeffer Werke, Bd. 8, Gütersloh 1998, S. 608.
[9] Dietrich Bonhoeffer Werke, Bd. 8, S. 36.
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