Kirchenkalender
Inhalt
Sie werden euch in den Bann tun

Sie werden euch in den Bann tun
für Sopran, Alt, Tenor und Bass, Oboe d’amore I+II, Oboe da caccia I+II, Streicher und Basso continuo
Johann Sebastian Bach hat das düstere Johannes-Wort «Sie werden euch in den Bann tun» gleich zweimal als Eingang einer Kirchenmusik benutzt. Während die 1724 komponierte Kantate BWV 44 auf dramatische Kontraste von Verfolgung und Rettung setzt, stehen im 1725 erstaufgeführten Schwesterwerk BWV 183 Aspekte der inwendigen Selbstbefragung und der Befestigung einer glaubenden Treue im Mittelpunkt. Entsprechend bietet die auf eine Textvorlage der Leipziger Patriziertochter Christiane Mariana von Ziegler gegründete Kantate in all ihren Sätzen dunkel grundierte Klangmischungen auf, um zwischen Todesfurcht und Tapferkeit jede Schattierung des menschlichen Seelenlebens auszudeuten.
Bonus: Livestreaming 15. Mai 2020
Nach den zwei pandemiebedingten Absagen der Kantatenkonzerte in den Monaten März und April mussten wir auch das Konzert vom Freitag, 15. Mai 2020, absagen. Die epidemiologischen Verhältnisse hatten sich in der Zwischenzeit zwar verbessert. An eine reguläre Durchführung eines Konzerts konnte jedoch noch nicht gedacht werden. Die Kantate BWV 183 «Sie werden euch in den Bann tun» erklang, ähnlich wie die beiden vorangegangenen Kantaten, wiederum als Konzert des 1-Mann-Ensembles Rudolf Lutz am Abend des 15. Mai aus der Kirche in Stein über ein Videostreaming.
Beschreibung
für Sopran, Alt, Tenor und Bass, Oboe d’amore I+II, Oboe da caccia I+II, Streicher und Basso continuo
Johann Sebastian Bach hat das düstere Johannes-Wort «Sie werden euch in den Bann tun» gleich zweimal als Eingang einer Kirchenmusik benutzt. Während die 1724 komponierte Kantate BWV 44 auf dramatische Kontraste von Verfolgung und Rettung setzt, stehen im 1725 erstaufgeführten Schwesterwerk BWV 183 Aspekte der inwendigen Selbstbefragung und der Befestigung einer glaubenden Treue im Mittelpunkt. Entsprechend bietet die auf eine Textvorlage der Leipziger Patriziertochter Christiane Mariana von Ziegler gegründete Kantate in all ihren Sätzen dunkel grundierte Klangmischungen auf, um zwischen Todesfurcht und Tapferkeit jede Schattierung des menschlichen Seelenlebens auszudeuten.
Bonus: Livestreaming 15. Mai 2020
Nach den zwei pandemiebedingten Absagen der Kantatenkonzerte in den Monaten März und April mussten wir auch das Konzert vom Freitag, 15. Mai 2020, absagen. Die epidemiologischen Verhältnisse hatten sich in der Zwischenzeit zwar verbessert. An eine reguläre Durchführung eines Konzerts konnte jedoch noch nicht gedacht werden. Die Kantate BWV 183 «Sie werden euch in den Bann tun» erklang, ähnlich wie die beiden vorangegangenen Kantaten, wiederum als Konzert des 1-Mann-Ensembles Rudolf Lutz am Abend des 15. Mai aus der Kirche in Stein über ein Videostreaming.
Aufnahmen
Ausführung des Werks in Voller Länge
Lutzogramm zur Werkeinführung
Reflexion zum Werk
Akteure
Solistinnen und Solisten
Sopran
Marie Luise Werneburg
Alt/Altus
Jan Börner
Tenor
Georg Poplutz
Bass
Peter Kooij
Orchester
Leitung
Rudolf Lutz
Violine
Éva Borhi, Lenka Torgersen
Viola
Martina Bischof
Violoncello
Maya Amrein
Violoncello piccolo
Daniel Rosin
Violone
Markus Bernhard
Oboe d’amore
Katharina Arfken, Josefa Winterfeld
Oboe da caccia
Amy Power, Luís Santos
Fagott
Andrew Burn
Orgel
Nicola Cumer
Werkeinführung
Mitwirkende
Rudolf Lutz, Pfr. Niklaus Peter
Reflexion
Reflexion
Stefan Kahle
Aufnahme & Bearbeitung
Aufnahmedatum
20.03.2026
Aufnahmeort
Trogen AR // evangelische Kirche
Tonmeister
Stefan Ritzenthaler
Regie
Meinrad Keel
Produktionsleitung
Johannes Widmer
Produktion
GALLUS MEDIA AG, Schweiz
Produzentin
J.S. Bach-Stiftung, St. Gallen, Schweiz
Zum Werk
Erste Aufführung
13. Mai 1725 in Leipzig
Textdichter
Satz 1: Johannes 16, 2.; Sätze 2–4: Christiane Mariane von Ziegler; Satz 5: Zeuch ein zu deinen Toren; (P. Gerhardt, 1653), Strophe 5
Entstehung & Vertonung
1. Rezitativ ‒ Bass
«Sie werden euch in den Bann tun, es kömmt aber die Zeit, daß, wer euch tötet, wird meinen, er tue Gott einen Dienst daran.»
1. Rezitativ ‒ Bass
Die Kantate für den Sonntag Exaudi 1725 setzt ein mit einer dunklen Perspektive: «Sie werden euch in den Bann tun» aus den Abschiedsreden Jesu in Johannes 16.2 (genauer übersetzt: «Sie werden euch aus der Synagoge ausstossen», was den Ausschluss nicht nur aus dem Gotteshaus, sondern aus der Gemeinschaft meint). Der Bibeltext nimmt auf den Ernst der Nachfolge und auf die frühen Konflikte Bezug, vielleicht mit einem versteckten Hinweis auf Paulus’ Verfolgung der Urchristen und auf das Martyrium des Stephanus: «wer euch tötet, wird meinen, er tue Gott einen Dienst daran». Die überraschenderweise nicht als Tutti-Ensemble oder zumindest Arioso, sondern als Rezitativ vertonte Aussage bekommt durch die hinzugefügten vier tiefen Oboenstimmen den Charakter einer Verfluchung.
2. Arie ‒ Tenor
Ich fürchte nicht des Todes Schrecken,
ich scheue ganz kein Ungemach.
Denn Jesus’ Schutzarm wird mich decken,
ich folge gern und willig nach;
wollt ihr nicht meines Lebens schonen
und glaubt, Gott einen Dienst zu tun,
er soll euch selben noch belohnen,
wohlan, es mag dabei beruhn.
2. Arie ‒ Tenor
Christiane Mariane von Ziegler gibt dem Johanneswort mit ihrer Interpretation in der Tenorarie eine persönliche Wendung: Furchtlosigkeit angesichts in der Aussicht gestellten «Todes Schrecken» – und ein Wille zur mutigen Nachfolge Christi, «denn Jesus’ Schutzarm wird mich decken». Diese Spannung ist auch der Musik eingeschrieben, die weniger von einer abgewogenen Betrachtung als vielmehr von der realen Nähe des Todes geprägt scheint. Denn während die warme Sonorität des Violoncello piccolo Trost und Geborgenheit suggeriert und die tenorale Kantilene sogar heroische Züge ausbildet, ist der in langsamstem «Molto Adagio» angesiedelte Satztyp einem trauernden Gedächtnisstück (Tombeau) nicht unähnlich.
3. Rezitativ ‒ Alt
Ich bin bereit, mein Blut und armes Leben
vor dich, mein Heiland, hinzugeben,
mein ganzer Mensch soll dir gewidmet sein;
ich tröste mich, dein Geist wird bei mir stehen,
gesetzt, es sollte mir vielleicht zu viel geschehen.
3. Rezitativ ‒ Alt
Im Rezitativ wird dieses Motiv der Bereitschaft zum Leiden weiter ausgeführt: «mein ganzer Mensch soll dir gewidmet sein», denn Jesu Geist und Schutz werde ihm auch in schwierigen Situationen beistehen. Der mit Streichern und wiederum vier Holzbläsern reich instrumentierte Satz verkörpert stabile Ruhe und energisches Wollen zugleich. Anders als im Eingangssatz dürfen die Oboen hier in einem eher pastoralen Duktus agieren, der die Singstimme bis hin zur überraschend klaren finalen Dur-Aufhellung umhüllt und trägt.
4. Arie ‒ Sopran
Höchster Tröster, Heilger Geist,
der du mir die Wege weist,
darauf ich wandeln soll,
hilf meine Schwachheit mit vertreten,
denn von mir selber kann ich nicht beten,
ich weiß, du sorgest vor mein Wohl!
4. Arie ‒ Sopran
Die Sopranarie nimmt auf das schon in Johannes 15.26 betonte Motiv des tröstenden Geistes Bezug und entfaltet in der Fortsetzung der Tageslesung Johannes 16.13 eine Perspektive der Gelassenheit: «Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, wird er euch in alle Wahrheit leiten.» Entsprechend führt diese Arie erstmals in der Kantate in lichtere Gefilde, die durch die dunkel-füllige Instrumentierung mit unisono geführten Oboen da caccia und Streichern einen verhaltenen Glanz erhalten. Die wiedergewonnene Gewissheit, die sich bei Bach wie so häufig auch hier in einer Mischung aus aufgeräumtem Tanzsatz und beseeltem Concerto ausdrückt, erlaubt der Sopranstimme ein hörbares Entschweben aus aller verbliebenen Erdenschwere.
5. Choral
Du bist ein Geist, der lehret,
wie man recht beten soll;
dein Beten wird erhöret,
dein Singen klinget wohl.
Es steigt zum Himmel an,
es steigt und läßt nicht abe,
bis der geholfen habe,
der allein helfen kann.
5. Choral
Die Kantate schliesst zuversichtlich mit der fünften Strophe des Paul Gerhardt-Chorals «Zeuch ein zu deinen Toren» von 1653 – mit einer vertrauensvollen und glaubensgewissen Anrede an den Heiligen Geist, der rechtes Beten gelingen und das eigene Singen zum Himmel aufsteigen lässt: «es steigt und läßt nicht abe, bis der geholfen habe, der allein helfen kann.» Bachs klangvoll-ernsthafter Kantionalsatz erhält durch die mitlaufenden Oboen zusätzliche Kraft und Wärme.
Quellenangaben
Alle Kantatentexte stammen aus «Neue Bach-Ausgabe. Johann Sebastian Bach. Neue Ausgabe sämtlicher Werke», herausgegeben vom Johann-Sebastian-Bach-Institut Göttingen und vom Bach-Archiv Leipzig, Serie I (Kantaten), Bd. 1–41, Kassel und Leipzig, 1954–2000.
Alle einführenden Texte zu den Werken, die Texte «Vertiefte Auseinandersetzung mit dem Werk» sowie die «musikalisch-theologische Anmerkungen» wurden von Anselm Hartinger und Pfr. Niklaus Peter sowie Pfr. Karl Graf verfasst unter Bezug auf die Referenzwerke: Hans-Joachim Schulze, «Die Bach-Kantaten. Einführungen zu sämtlichen Kantaten Johann Sebastian Bachs», Leipzig, 2. Aufl. 2007; Alfred Dürr, «Johann Sebastian Bach. Die Kantaten», Kassel, 9. Aufl. 2009, und Martin Petzoldt, «Bach-Kommentar. Die geistlichen Kantaten», Stuttgart, Bd. 1, 2. Aufl. 2005 und Bd. 2, 1. Aufl. 2007.
Quellenangaben
Alle Kantatentexte stammen aus «Neue Bach-Ausgabe. Johann Sebastian Bach. Neue Ausgabe sämtlicher Werke», herausgegeben vom Johann-Sebastian-Bach-Institut Göttingen und vom Bach-Archiv Leipzig, Serie I (Kantaten), Bd. 1–41, Kassel und Leipzig, 1954–2000.
Alle einführenden Texte zu den Werken, die Texte «Vertiefte Auseinandersetzung mit dem Werk» sowie die «musikalisch-theologische Anmerkungen» wurden von Anselm Hartinger und Pfr. Niklaus Peter sowie Pfr. Karl Graf verfasst unter Bezug auf die Referenzwerke: Hans-Joachim Schulze, «Die Bach-Kantaten. Einführungen zu sämtlichen Kantaten Johann Sebastian Bachs», Leipzig, 2. Aufl. 2007; Alfred Dürr, «Johann Sebastian Bach. Die Kantaten», Kassel, 9. Aufl. 2009, und Martin Petzoldt, «Bach-Kommentar. Die geistlichen Kantaten», Stuttgart, Bd. 1, 2. Aufl. 2005 und Bd. 2, 1. Aufl. 2007.
Stefan Kahle
Das Sterben. Es ist immer um uns, immer in uns. Und mittlerweile, fast täglich, sehen wir uns auf den Nachrichtenkanälen Gefahren- und Katastrophenmeldungen ausgesetzt, die – beinahe wie der einleitende Bibelvers der Kantate – bedrohlich über uns hängen. Krieg in Europa, eine Weltpolitik, die jeder versuchten Prognose zu trotzen scheint, und ein Wandel im gesellschaftlichen Miteinander, der dieses immer weiter ins Wanken zu bringen versucht …
Das Sterben ist von der Grenze, die zwischen Tod und Leben liegt, eindeutig auf der Seite des Lebens zu verorten. Denn Sterben ist Prozess, ist Veränderung, Wandel. Der Tod im biologisch medizinischen Sinn hingegen ist Zustand. Das Sterben ist für jeden von uns unumgänglich, wir alle sind endlich. Und doch fällt den meisten das Sprechen darüber schwer.
Selbst wenn man mit dem Tod in Filmen, Büchern oder wie heute in dieser Kantate konfrontiert wird, bleibt es doch irgendwie abstrakt. Es berührt einen vielleicht, lässt einen nachsinnen über die Verluste, die man schon erlebt hat. Aber überschreiten die Gedanken je die Grenze zur eigenen Sterblichkeit? Leider nur selten.
Denn darauf ist unsere Gesellschaft nicht ausgelegt. Alles soll überdauern, jede und jeder über seinen oder ihren Horizont hinauswachsen, schaffen. Jedes Ich wird immer mehr zum scheinbar unerschöpflichen Mass der Dinge. Da passt der Tod doch überhaupt nicht ins Bild.
In seiner Kantate «Denn sie werden euch in den Bann tun» aus dem Jahr 1725 (der zweiten auf dieser Textgrundlage) schafft es Bach, den inneren Weg des Ichs im Umgang mit dem drohenden Unheil so nahbar in Musik zu kleiden und erschafft genau dadurch eine Art tröstenden Dialog mit der eigenen Endlichkeit, der in so vielen seiner Werke aufblitzt und stets aufs Neue versucht, den Hörenden die Furcht vor der Beschäftigung mit dem eigenen Sterben, mit der eigenen Endlichkeit zu nehmen. Denn in der heutigen Kantate wird überdeutlich, dass es in der Beschäftigung mit dem Tod nicht darum geht, dem Leben und allem, was es für jede und jeden ausmacht, zu entsagen – im Gegenteil. Das ist auch in jedem der Sätze hörbar.
Schon in der Arie des Tenors, die textlich eigentlich wunderbar trotzig und unverhohlen daherkommt – wie eine spontane Zurechtrückung des vorangegangenen ungeheuerlichen Bibelverses aus dem Johannesevangelium – ist musikalisch doch eine ganz andere Gefühlswelt gezeichnet. Und untergräbt damit jede scheinbar heldenhafte, doch in ihrer Impulsivität hohle Märtyrerei.
Ich fürchte nicht des Todes Schrecken,
ich scheue ganz kein Ungemach.
Denn Jesus’ Schutzarm wird mich decken,
ich folge gern und willig nach;
wollt ihr nicht meines Lebens schonen
und glaubt, Gott einen Dienst zu tun,
er soll euch selben noch belohnen,
wohlan, es mag dabei beruhn.
Die Arie ist klanglich weniger entschlossen, vielmehr kann man in ihr das Am-Leben-Hängen heraushören. So stark, selbstsicher und überzeugt der Text der Arie auch anmutet, so macht Bach doch durch die zahlreichen Wiederholungen und die langen, sich teils verworren umspielenden Phrasen zwischen der Tenorstimme und dem Cello piccolo daraus doch fast eine Art Mantra – ein Mantra, welches sich das Ich immer wieder selbst vorsprechen muss im Versuch, die entschiedenen Worte mit der ihnen eigenen Kraft zu füllen.
Annehmen lässt sich das drohende Unheil nur durch die Hinwendung zum und die Kraft des Glaubens, so sagt es die Kantate. Es ist Verlass auf die höhere Macht, die uns schützt und auffängt. Besonders dadurch zeigt Bach aus seiner fest im Glauben verankerten Warte auf, dass das Annehmen des Todes nichts Kämpferisches an sich hat – vielmehr ist es ein Verhandeln.
Wie das Besinnen nach einem tiefen Atemzug scheint das Altrezitativ dann den eigenen Gedanken die nötige Stabilität zu geben, um sich der Quelle der eigenen Kraft wirklich gewahr zu werden. Dieses Durchatmen, dieses Überwinden von Zweifeln, von Sorgen und vielleicht auch von Schuld macht es schliesslich möglich, in all dem so schwer Erscheinenden doch auch das befreiende Gefühl des Loslassens aufleuchten zu lassen. Eben wie in der Sopranarie, in der das Ich, getragen von der Gewissheit auf jene höhere Macht, geradezu schwungvoll einen Umgang mit der Prophezeiung des Bibelwortes findet. Momente, in denen man im Frieden mit sich ist und sich fast schon leichtfüssig dem nahenden Ende zuwendet.
Als Bestatter wird man in den Vorsorgegesprächen Zeuge jeder dieser Phasen: von Abwiegeln und Hadern, von Verhandeln, und auch des inneren Friedens. Von den ersten zögerlichen Schritten, sich mit dem eigenen Sterben und der Bestattung auseinanderzusetzen, bis hin zu vollkommen freimütigen Vorstellungen und Wünschen, wie man die eigene Bestattung doch gestalten könnte.
Wie jede und jeder Einzelne zu diesem Freimut kommt, ist dabei von Mensch zu Mensch vollkommen verschieden. Wenn es nicht der Glaube ist, dann sei es das für sich geschaffene Umfeld, die schöne heimelige Wohnung, die einem Geborgenheit gibt und ein echtes Zuhause ist. Das Erfülltwissen eines lange gehegten Traums oder eben die Menschen, die für einen da sind, wenn die eigenen Kräfte schwinden.
Ja, im Sterben suchen die Menschen Halt bei den Mitmenschen, doch manchmal macht gerade dieses Haltsuchen das Reden um so schwerer: über die eigenen Ängste und Sorgen vor dem, was nach dem Tod kommen mag, wie sich die Zeichen des Sterbens in einem bemerkbar machen oder was man seinen Lieben damit aufbürdet. Dazu vielleicht noch ein anderes Bild:
Im Spital. Ein junger Arzt geht zur Visite zu einer älteren Frau, die schon seit einiger Zeit stationär versorgt wird. Der Krebs war über die vergangenen Jahre hinweg ein immer wiederkehrender Gast. Vor der Tür des Krankenzimmers trifft er auf den Ehemann der Patientin, der bedächtig auf dem Gang auf und ab geht. Der Arzt merkt, er wird bereits erwartet: «Herr Doktor, ich kann es spüren an meiner Frau. Sie liegt im Sterben, das kann ich fühlen. Aber bitte sagen Sie ihr das nicht. Sie soll die Zeit, die sie noch hat, geniessen und unbeschwert verbringen. Solange ich mich darauf vorbereiten kann und ich dann alles Nötige in die Wege leite, ist das doch genug.»
Etwas verdutzt, aber den Mann beschwichtigend geht der Arzt weiter, öffnet vorsichtig die Tür zum Krankenzimmer, geht hinein und wendet sich der Frau zu. Allein mit ihr studiert er die Akte und untersucht sie. Ja, da ist das Sterben schon zu ihr ins Zimmer gezogen. Das Herz schlägt nur noch schwach. Der Atem geht flach. Ein leises, kaum wahrnehmbares Rasseln begleitet jeden Atemzug. Ihre Hände und Füsse sind kalt, denn das Herz versorgt nur noch die lebenswichtigen Organe, da es von sich aus keine Kraft mehr dafür aufbringt, das Blut durch den ganzen Körper zu pumpen. Das Erste, was da nicht mehr versorgt wird, sind die Extremitäten. Denn sie sind quasi Luxus, und dafür ist keine Energie mehr da. Es geht um das Am-Leben-Erhalten.
Als er das Stethoskop über den Rücken der Patientin wandern lässt, dem leisen Rasseln der Lungen lauscht, seufzt die Frau: «Ach, Herr Doktor, Sie müssen gar nichts sagen. Ich merke, wie es zu Ende geht. Ich möchte auch gar nicht mehr kämpfen. Es war doch ein schönes langes Leben, fünfundsechzig Jahre verheiratet und davon mehr als genug glücklich. Aber Herr Doktor, sagen Sie es bloss nicht meinem Mann! Das würde er nicht verkraften, und ich möchte ihn in dieser meiner letzten Zeit doch ungetrübt als den Mann erleben, der mir über all die Jahre so viel Freude geschenkt hat. Wenn er es wüsste, dann würde sich alles nur noch ums Ende drehen.» Diese Episode begleitet den Arzt noch eine ganze Weile, und als er am Abend die Klinik in den Feierabend verlässt, nimmt er beide Versprechen eingehalten mit.
Das Sterben findet, wie in dieser Geschichte, die so oder ähnlich als Gedankenspiel angehenden Sterbe- und Trauerbegleitern oft mitgegeben wird, heute meist im Verborgenen statt. In Spitälern, Heimen oder Hospizen. Die Gründe für diesen Wandel liegen vor allem in der extrem raschen Urbanisierung und den Kriegserlebnissen des letzten Jahrhunderts, als mit einem Mal die Schwerverwundeten die Krankenhäuser überfüllten.
Da war keine Zeit, keine Kapazität, die Sterbenden für den letzten Weg noch einmal in ihre heimische Umgebung zu bringen, um die alten Bräuche weiterzuverfolgen, die nicht nur die Familien auf den Tod der Verwandten vorbereiteten, sondern sie auch nach dem Ableben durch die ersten Stunden oder gar Tage hinweg ein Stück weit tragen konnten.
Häufig gewechselte heisse Wickel zum Beispiel und das damit einhergehende Waschen der Sterbenden, um den Kreislauf immer wieder neu zu stimulieren und bei Bettlägerigkeit ein Wundliegen zu verhindern, boten sicher zwischen einigen Eltern-Kind-Generationen Momente eines tiefgreifenden Austauschs, aber eben auch des ganz bewussten Wahrnehmens des Todes mit allen Sinnen: der Haut, die fahl wird; des Blickes, der immer weniger dem Geschehen zu folgen vermag; der wachen Momente, die denen eines tiefen Schlafes immer mehr Raum geben; nicht zuletzt auch der Geruch, der das Ende unterschwellig einläutet.
Was in einer notgedrungenen Lösung begann, bildete jedoch auch nach Kriegsende weiterhin die Grundlage unseres heutigen Umgangs mit Sterben und Trauer. Das und der aufkommende Kapitalismus, welcher heute einen Grossteil unseres gesellschaftlichen Miteinanders bestimmt, haben dafür gesorgt, dass vor allem auch der Umgang mit Trauer oftmals ausgelagert und verdrängt wird. Denn Trauer lähmt. Trauer leistet nicht. Trauer bedeutet scheinbar Stillstand. Dafür ist in einer Welt, die allzu oft den grösstmöglichen Gewinn anstrebt, kein Platz.
Aber Trauer ist nicht irgendein Gefühl. Trauer ist – ähnlich wie das durchatmende und besinnende Altrezitativ in der Kantate – die Atempause, die sich jede und jeder einfordern sollte, um einen Umgang mit dem erlebten Verlust zu finden. Sie ist die Lösung, nicht das Problem. Trauer ist eine Rast des eigenen Seins, aus der man, wenn man sie bewusst durchlebt, mit neuen Bildern und geordneten Erinnerungen seinen Alltag gestalten kann, womöglich sogar gefestigt aus ihr heraustritt.
Viele Zugehörige können mittlerweile durch neu gefundene Rituale während des Bestattungsprozesses dieses Innehalten finden. Durch eine bewusste Verabschiedung vom Verstorbenen noch zu Hause oder im Heim, natürlich innerhalb der vom Gesetzgeber vorgeschriebenen Frist, die in Deutschland zwischen einem und zwei Tage beträgt, der Bemalung des Sarges und der Gestaltung der Urne oder womöglich auch dem Schreiben eines Bestattungstagebuchs, in das man jeden Schritt, welchen man gemeinsam mit seinem Bestatter plant und erlebt, notiert und bei der Beisetzung oder der Sargbestattung mit ins Grab gibt; sich am Grab ein Stück weit von diesem Weg freimacht.
Aber nicht alle finden in dieser Zeit die nötige Ruhe, die Kraft oder den Mut. Immerhin ist die Zeit bis zur Bestattung oder der Urnenbeisetzung auch mit unendlich vielen Entscheidungen, Aufgaben und Fristen verbunden. In Sachsen sollte eine Erdbestattung beispielsweise innert vierzehn Tagen stattgefunden haben. Wenn man als Zugehöriger im Vorfeld die Möglichkeit hatte, einige der Wünsche und Vorstellungen zu erfragen, die nötigen Unterlagen schon gut sortiert parat hat und sich vielleicht durch eine längere Pflegezeit auf das Sterben irgendwie vorbereiten konnte, mag das zwar intensiv aber stemmbar sein.
Sobald aber zu dieser Organisation noch die Überforderung der Unvorhersehbarkeit hinzukommt: Wo soll deren Aufarbeitung dann noch Platz finden? Tatsache ist: Die Trauer sucht sich früher oder später immer ihren Raum. Seit einigen Jahren wird deshalb die angeleitete Trauerbegleitung immer wichtiger und verbreiteter, weil der Mensch eben nicht für das Verdrängen von Verlustgefühlen und -ängsten geschaffen ist und irgendwann ins Stolpern kommt. Nicht selten kommt der Schritt, sich Hilfe zu suchen, erst Monate oder gar Jahre nach dem Auslöser der Trauer. Sogar wenn man, wie in der Schweiz möglich, die Urne nach der Kremation mit nach Hause nimmt, kann diese immerwährende Nähe zum Verstorbenen auch zu inneren Konflikten führen, die man in der Trauerbegleitung aufarbeiten kann.
Jeder Mensch trauert anders und braucht andere Dinge oder kleine Rituale, um mit dem erlebten Verlust umzugehen, ein Loslassen zu finden. Das Wichtigste ist jedoch, dass wir alle im täglichen Miteinander den Mut aufbringen, zu den Gefühlen und körperlichen Reaktionen, die die Trauer in uns auslöst, zu stehen und darüber zu sprechen. Dass wir das Thema des eigenen Sterbens mit denen, die uns wichtig sind, bereden, Wünsche austauschen und darüber Nähe herstellen. Denn wie anfangs erwähnt: Das Sterben ist so oder so immer um uns, und es ist an der Zeit, dass wir diese Tatsache annehmen und die Erzählung des grossen Tabuthemas Tod und Sterben zur Seite legen.
Wenn man sich dazu dem Werk Johann Sebastian Bachs – auch gerade Kantaten wie der heutigen – zuwendet, wird man immer wieder auf wunderbare Weise Zeuge von dem tiefen Trost und Frieden, der in all dem scheinbar Schweren liegt. ––– Ich danke Ihnen.
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