für Alt, Tenor und Bass, Vokalensemble, Corno, Oboe I+II, Streicher und Basso continuo
Johann Sebastian Bach legt seiner Choralkantate zum 8. Sonntag nach Trinitatis, aufgeführt am 30. Juli 1724, das gleichnamige Psalmenlied von Justus Jonas «Wo Gott der Herr nicht bei uns hält» (1524) zugrunde. Dieses ist eine Umdichtung des Psalms 124 zu einem kämpferisch-frühreformatorischen Lied durch den Juristen, Humanisten, Dichter, Mitstreiter und auch Übersetzer Martin Luthers. Die Konsequenz und Dichte, mit der Bach die melodische Substanz dieses Liedes in beinahe allen Sätzen präsent hält, verleiht der Kantate einen nahezu «choralsinfonischen» Zug, lässt das altvertraute Singen als gemeinschaftsstiftende Dimension erkennen und legt so die zentrale Intention hinter Bachs Choralkantaten-Jahrgangsprojekt von 1724/25 offen. Dabei entwirft der von schroffen Orchestergesten und lautmalerischen Koloraturen geprägte Eingangschor Bachs ganz im Sinne des Psalms 124 ein Bild tapferen Ausharrens im entfesselten Sturm, das sich in der meisterlich kantigen und teils ebenfalls naturinspirierten Arienmotivik fortsetzt. Mit den in der Tenorarie enthaltenen Angriffen gegen die «taumelnde Vernunft» provoziert die Musik hingegen Fragen nach der Gewichtung von Rationalität und Vertrauen, denen auch wir uns stellen dürfen.
